CHEF VOM STEIGENBERGER STEIGT UM   HAMBURGER ABENDBLATT, 20.12.2011

HAMBURG. Er kannte das Hamburger Steigenberger-Hotel auf der Fleetinsel schon, da war es noch nicht auf der Welt. Als Karl Schlichting den Chefsessel des Fünf-Sterne-Hauses bekam und es zu einem führenden Haus der Steigenberger-Gesellschaft machte, sah er außer den Plänen nur eine Baugrube. Am 2. Januar 1993 wurde das Hotel eröffnet, und jetzt, nachdem es die Volljährigkeit erreicht hat, sucht sich Schlichting eine neue Herausforderung und gründet zum 1. Januar 2012 ein eigenes Unternehmen – die Schlichting Hotel GmbH.

Sie wird sein internationales Hotel-Know-how zwischen Hamburg und Sylt den Besitzern und Verwaltern mittelständischer Häuser anbieten, die er managen, leiten und später vielleicht auch kaufen will. Den Anfang macht er mit dem „Fürst Bismarck“ an der Kirchenallee, dort hat er auch schon sein neues Büro mit Blick auf den Hauptbahnhof statt auf den Fleetmarkt.

Der schlanke, sportliche Hamburger, 54 Jahre alt, mit den blauen Augen und blonden Haaren (die Schläfen sind inzwischen dezent ergraut) hat in seiner Familie zwei Linien, verrät er: Aus der mütterlichen kommt die Liebe zum Hotelberuf, aus der väterlichen eine gewisse technische Begabung. Letzteres hat ihm geholfen, wenn es darum ging, neue Hotels sinnvoll durchzuplanen – so wie das Steigenberger oder das Intercity am Hauptbahnhof, dessen Bau er begleitet hat.

Und in die Hotellaufbahn ist er wie von selbst hineingerutscht: Er jobbte schon mit 15 Jahren im Hotel seines Großvaters, um das Taschengeld aufzustocken fürs Mofa, ein kleines Segelboot, das erste Auto. Aufgewachsen ist er in Scharbeutz an der Ostsee, studiert hat er Betriebswirtschaft in Hamburg, danach kamen die Hotelfachschule in der Schweiz und erste Stationen in den USA, Kanada und in der Karibik. Dass er in Hamburg leben wollte, war aber immer klar, „selbst wenn das Wetter hier im Dezember nicht unbedingt zu Hamburgs Qualitäten gehört“.

Daraus sind jetzt 19 Jahre mit dem Haus auf der Fleetinsel geworden, das direkt am Alsterfleet und der Heiligengeistbrücke liegt, am historischen Verbindungsweg zwischen City, Hafen und Großneumarkt. „1993 war das hier eine ziemlich tote Ecke, der Platz hinter dem Hotel noch ein Baustelle.“ Schlichting hat dafür gesorgt, dass hier Leben einzog, hat den Weihnachtsmarkt und das Fleetinsel-Festival mit initiiert; heute sorgen die Restaurants drum herum für buntes Leben bis weit in die Abendstunden.

Im Hotel lässt man ihm große Freiheiten, er setzt auf ein asiatisch geprägtes Gourmet-Restaurant (das Calla), heute nichts Ungewöhnliches, damals noch eine echte Innovation. Er prägt auch eine eigene Kulturmarke, das „Literatur-Dinner“, das vor allem Gäste aus Hamburg selbst anzieht. „Spaß muss man haben an der Gastgeberfunktion“, sagt Schlichting. Der Beruf fordert hohe Präsenz, große Detailfreude, Dienstleistungsbewusstsein, und gleichbleibende Freundlichkeit. „Mein Großvater hat gesagt: Das kann man nur machen, wenn man mit Herzblut Hotelier ist. Wenn du das im Blut hast, ist es das Richtige, sonst geh in eine andere Branche.“

Auch seine beiden Kinder besetzen die zwei Interessenfelder der Familientradition, Sohn Karl-Philipp studiert Maschinenbau in Zürich, Tochter Sandra geht ins Hotelfach mit einem Studium in Ravensburg und einer Ausbildung im Hamburger Vier Jahreszeiten. Der Vater dagegen plant, im Januar eine Auszeit zu nehmen. Wenn es klappt, will er dann mal wieder richtig viel Sport treiben können. „Tennis spielen, laufen im Sachsenwald, Rennrad fahren, wenn es das Wetter erlaubt.“ Im Sommer segelt er auf der Ostsee, kleine Tagestouren. Ehrgeiz ist aber schon dabei, wenn jemand mit Anfang 50 Triathlon-Wettbewerbe absolviert und bei den Cyclassics die 100-Kilometer-Runde mitfährt („Ich wollte immer mal über die Köhlbrandbrücke radeln“). Beim Sport schaltet Karl Schlichting ab: „Wenn man läuft oder Rennrad fährt, werden Probleme ganz klein. Ich werde klar und frisch im Kopf, und zu Hause unter der Dusche fallen mir dann die Problemlösungen ein.“

Erst mal aber steht die Übergabe an, sein Nachfolger Bernd A. Zängle kommt vom Steigenberger „Graf Zeppelin“ in Stuttgart. „Silvester mach ich noch“, sagt Schlichting, „dann ist wirklich Schluss.“ Man merkt ihm an, dass er im Hotel so etwas wie eine Familie zurücklässt. Und erinnert ein letztes Mal daran, was seiner Erfahrung nach ein gutes von einem sehr guten Hotel unterscheidet: „Es sind die Mitarbeiter.“